November. Kalt, windig, unberechenbar. Bleiben die letzten Blätter den bereits kargen Bäumen noch einige Wochen erhalten? Oder ist morgen bereits alles unter einer dicken Schneedecke begraben? Verdammt, wann hört endlich dieser feintropfige Regen auf, der all die schönen Erinnerungen wegzuspülen scheint?! Der Wind heult auf, sein hohler Schrei verhallt in der dunklen Nacht, in der Niemand und Nichts wiedergefunden wird, sollte etwas verschwinden... Die Nacht schluckt.
Er liegt im Bett. Bedeckt von der schweren Decke, bis an seine Nasenspitze umhüllt vom Geruch des nach Sommerblüten duftenden Waschmittels, das seine Mutter immer verwendet. Hellwach liegt er dort. Die Arme vor der schmalen Brust verschränkt, die Beine kerzengerade ins kalte untere Drittel des alten Kinderbettes ausgestreckt. Er starrt an die Decke, obwohl dort nichts zu sehen ist. Erinnert sich an den letzten Sommer, der erst vor Kurzem sein Ende nahm und nun in einem anderen Land, fernab von seinem Dorf, regiert. Daran, wie er bis zum Sonnenuntergang durch den Wald spazierte, ohne zu frieren. Wie er dem Nachbarsmädchen auflauerte... "Auflauern"... Was für ein doofes Wort, denkt er. Er schwärmt für sie! Ja, "schwärmen" ist deutlich passender, denkt er. Sie zog durch die Tiefen der umliegenden Wälder, aß Beeren, die am Wegesrand gewachsen sind, pflückte einen kunterbunten Strauß aus gelben Löwenmäulchen, weißen Gänseblümchen und tiefroten Klatschmohn, der auf den Feldern zwischen den Dörfern wächst.
Er hasst Krokusse, denkt er. Dieses trübe Lila, das zwischen den letzten Schneeresten hervorlugt... Schon bald. Wie jedes Jahr.
Im Winter sieht er sie nie, das Nachbarsmädchen, deren Sommersprossen zu dieser Zeit längst verblasst sind. Im Winter muss er auf sie verzichten. Bestimmt sitzt sie im warmen Haus, vor einem befeuerten Karmin, mit einem Kakao in der Hand. Dabei schmeckt eiskalte Limonade doch viel besser! Im beschissenen November kann er lange am Zaun im Garten warten, auf Zehenspitzen ins erleuchtete Wohnzimmer gegenüber spähen... Sie wird ja doch nicht erscheinen. Dann geht er wieder hinein und seine Brille beschlägt durch die trockene, stickige Heizungsluft.
Dann liegt er abends im nach Sommerblüten duftenden Bett, so wie jetzt. Und stellt sich vor, der Wind würde aufhören zu heulen. Er stellt sich vor, er müsse keine Angst mehr haben vor diesem ächzenden Geräusch, das um sein Haus jault, wie auf der Jagd nach etwas, das es mit sich wehen und verschlucken kann. Er denkt an laue Sommernächte, die zufriedenen Stimmen seiner Eltern, wenn sie abends auf der Terrasse Wein trinken. In solchen Nächten hat er keine Angst. Schließlich wacht die Sonne über ihn! Er wünscht, er wäre Herr über die Zeit. Dann würde er SIE wieder sehen... Immer! Weil dann immer Sommer wäre.
Er wirft die blütige Daunendecke zurück und steht auf. Seine nackten Füße jagen ihm sofort einen Gänsehautschauer über den Rücken, sobald sie den eisigen Fließenboden berühren. Er verschränkt die Arme fester vor seiner Brust und bewegt sich zum Schreibtisch, nimmt ein Streichholz und entflammt eine wärmende Kerze. Er öffnet das alte, goldene Blechkästchen, das ihm sein Opa einst zur Mittsommernacht schenkte.
Sein Opa ist sein Held! Als Erntehelfer arbeitete er früher auf den Erdbeerfeldern des Dorfes. Ein Jahr bevor er voller Krebs war, hat er ihm die Kiste geschenkt... Damals, als die ganze Familie am See war, die Stimmung leicht und ausgelassen. Letztes Jahr, exakt eine Woche vor Heiligabend, erlag er dann einem grausamen Tod. Der Junge erinnert sich noch genau daran... Sie waren alle im Krankenhaus: Mama, Papa, Tante und Onkel und er. Opa lag im Bett, weißer noch als der Schnee, der so dick fiel, dass er dem Dorf den Atem raubte. Sein Brustkorb hob sich und sank im Sekundentakt. Ticktack, ticktack. Mit jedem Tick, mit jedem Tack sah sein Gesicht schrecklicher aus. Der Junge spürte die Anwesenheit eines Etwas', das seinen Opa mitnehmen und verschwinden lassen wollte. Mama zog ihn aus dem Krankenzimmer und übergab ihn einer Krankenschwester. Er bekam Plätzchen und eine Tasse kalten Tee. Er wusste, dass er seinen Opa in der Dunkelheit nie wieder finden würde, egal wie weiß er war. Die Dunkelheit und der schwere Schnee waren zu stark.
Er streicht über das kühle Metall, öffnet die Kiste mit einem leisen Klicken und legt sein großes Geheimnis in seine kleine, bläuliche Hand. Niemand weiß von seinem Geheimnis. Niemand hat es je bemerkt oder gar gefunden. Der Junge ist so stolz darauf! Im faden Licht der Flamme glänzt das durch die Jahre angelaufene Silber. Wie viel sein Geheimnis wohl wiegt? Der Junge schätzt sein Gewicht... Es hat viel erlebt! So viel gesehen und so vielem standgehalten! Er weiß, dass sein Geheimnis einst auch das Geheimnis seines Opas war... Er spürt es. Er wusste es in dem Moment, als er es zum ersten Mal in seinen Händen hielt. Ohne sein Geheimnis könnte er nicht existieren. Erfrieren würde er, in solchen Nächten... Emotional frösteln! Er öffnet die Rückseite seines Geheimnis' und dreht am kleinen, angelaufenen Silberrädchen...
Der Wind hört plötzlich auf zu heulen, er spürt seine Finger- und Zehenspitzen wieder. Er nimmt einen tiefen Atemzug. Es riecht nach gelben Löwenmäulchen, weißen Gänseblümchen und tiefrotem Klatschmohn. Er saugt alles tief in sich auf...
...ehe der Wind wieder einen Grund zum Heulen hat, die Dunkelheit das soeben dagewesene Licht schluckt und er wieder diese innere Kälte spürt... Und mit ihr die Sehnsucht nach Leben.
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