"Journalistische Darstellungsformen" - so lautete der Titel des Moduls, das wir vor etwa sechs Wochen in der Uni behandelten. Unsere Dozentin Kerstin Heuer hat an der Universität Hannover Geschichte und Linguistik studiert und kam über ein Volontariat bei der Tageszeitung "Neue Presse Hannover" zum Journalismus. Einige Zeit war sie als Moderatorin bei RTL, später Redaktionsleiterin für das SAT1-Magazin BLITZ und Produzentin der Auswandererserien "Goodbye Deutschland" und "Auf und davon" bei VOX. Nun ist sie Redaktionsleiterin im Bereich Marketing des KPMG. Seit einigen Jahren lehrt Kerstin Heuer in der Medienakademie.
Und so auch bei uns... "Schreibt eine Reportage über ein Thema, das Euch besonders wichtig ist." - Das war die Aufgabe, die sie uns an einem Dienstag gab. Wir sollten uns ein interessantes Thema suchen, den Mittwochnachmittag zur Recherche und zum Interviewen nutzen und bis zum Donnerstagmorgen eine Reportage schreiben.
Und all die Kreativköpfe meiner Studiengruppe hatten wirklich interessante Themen! So schrieb eine Kommilitonin über ein besonderes Café in der Kurfürstenstraße. In diesem Café finden erschöpfte Prostituierte in ihren Pausen einen ruhigen und sicheren Ort zum Schlafen und bekommen warme Mahlzeiten, die sie für ihren harten Arbeitsalltag stärken sollen.
Ballettunterricht, ein eigenes Pflegepferd und ein Auslandsjahr an einer Highschool in Adelaide, Australien. Nach dem Abitur eine Rucksackreise durch Südostasien. Amelie ist 20. Sie studiert Psychologie im ersten Semester. Für die Semesterferien plant sie einen Tauchkurs an der Küste vor Tunesien. Wenn Amelie nach ihrem Motto gefragt wird, sagt sie immer: "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!" -
Ich musste nicht lange überlegen und entschied mich für ein Thema, mit dem wir alle in den letzten Monaten täglich konfrontiert wurden. Es ist das wohl kontroverste Thema im Jahr 2015, für das es noch keine Lösung gibt, aber unbedingt geben MUSS.
Jeden Tag werfen uns die tagesschau, die Süddeutsche Zeitung oder der Berliner Kurier Zahlen um die Ohren. Zahlen, die das Ausmaß des Flüchtlingsstroms nach Europa, vor allem nach Deutschland, verdeutlichen sollen. Täglich lesen wir neue Kommentare von Politikern, die sich zur sogenannten 'Flüchtlingsfrage' äußern. Uns werden Bilder von Ausschreitungen in Flüchtlingslagern gezeigt... Und aktuell wird verstärkt die Frage gestellt, ob Flüchtlinge nicht eine Gefahr für, wie ich es nenne, die Festung Europa darstellten.
Bei solchen Kommentaren werde ich unfassbar wütend und fühle nichts als Ekel und Scham. Mit meiner Reportage wollte ich einmal das Thema von einer anderen Seite beleuchten. Nämlich von der, der Hauptakteure. Mir war es wichtig, nicht oberflächlich vom "Flüchtling" zu sprechen, seine Motive zur Flucht zu hinterfragen und damit Skepsis zu sähen. Vielmehr wollte ich den Menschen dahinter kennen lernen... Seine Geschichte, seine Wünsche an das neue Land und für das neue, hoffentlich bessere Leben.
21. Oktober 2015, Mittwochnachmittag. Recherchetag. Ich mache mich auf den Weg in die Turmstraße nach Moabit. Mein Ziel ist das LaGeSo, das Landesamt für Gesundheit und Soziales und Registrierungsstelle für Geflüchtete, die gerade in Berlin angekommen sind. Hier hoffe ich darauf, auf einen jungen Menschen zu treffen, der dazu bereit ist, mir von seiner Flucht zu berichten.
Das LaGeSo ging die letzten Monate immer häufiger durch die Presse. Die Wartezeiten für Flüchtlinge seien unfassbar lang; Ehrenamtliche seien die ganze Nacht durchgehend damit beschäftigt, Jacken und Decken für all die frierenden Menschen aufzutreiben; das Amt sei gnadenlos überfordert mit der Registrierung und Erstversorgung der immer länger werdenden Schlange vor den Türen. Anhand all dieser Negativschlagzeilen, konnte ich das Chaos nur erahnen...
Vorbei an zwei riesigen Zelten, vor denen bewaffnete Polizisten und viele Menschen stehen, die sehr sehr müde aussehen und darauf warten, endlich in das Zelt zu gelangen. Es ist das Zelt, in dem sie sich registrieren lassen. Mir fällt auf, dass vor allem Männer in der Schlange stehen. Ihre Frauen und Kinder sitzen auf dem Asphaltboden einige Meter weiter. Mütter wiegen ihre Babys auf dem Arm, Kinder sitzen daneben und essen trockene Hotdog-Brötchen, die ihnen eine ältere, im Rollstuhl sitzende Frau gerade gegeben hat. Ich gehe durch das große Tor und befinde mich nun auf dem großen Gelände des LaGeSo, das aus vielen verschieden benannten Häusern besteht. Die Häuser bestehen aus dicken Backsteinmauern und erinnern mich irgendwie an unsere früheren Urlaube in der Lüneburger Heide. Doch dann gehe ich weiter und die Nostalgie schwindet. Auf einem großen Platz stehen zwei Wägen der Caritas und ein Container mit der Aufschrift "Impfungen". Auf dem nassen, teils matschigen Boden stehen viele Menschen in Flip-Flops oder deutlich durchlöcherten Schuhen. Einige tragen nur ein T-Shirt. Kinder springen umher, schreien, spielen, lachen.
Ein Kind rennt mit einem Cityroller unterm Arm durch die großen und kleinen Menschengruppen. Ihm hinterher eilt ein deutlich jüngerer Junge, der lauthals am Schluchzen ist. Er bleibt schließlich stehen, als der ältere Junge den Roller ins Gebüsch wirft. Ich laufe hin, hole den Roller aus dem Busch und überreiche ihn dem jüngeren Jungen, der augenblicklich aufhört zu weinen. Sein Vater kommt zu uns, nimmt den Kleinen auf den Arm und sagt etwas auf einer mir fremden Sprache. Während dessen lacht er mich freundlich an. Auf die Frage, ob er Englisch spreche, holt er einige Freunde. Einer von ihnen kann Englisch sprechen!
Wir setzen uns auf eine trockene Stelle am Wegesrand, ich krame einen Block aus den Tiefen meiner Tasche und beginne, Fragen zu stellen...
Das war der Beginn des Kennenlernens mit Samim, einem afghanischen Jungen. Und über ihn habe ich schließlich auch folgende Reportage geschrieben:
Träume nicht dein Leben, Samim!
Allein in Berlin sind bis Oktober diesen Jahres etwa 40.000 Flüchtlinge registriert worden. Die Zahl unregistrierter Flüchtlinge soll dabei noch weitaus höher sein. Und jeden Tag stehen hunderte Menschen, die gerade erst in Deutschland angekommen sind, stundenlang und eng aneinander gedrängt, mit müden Beinen und knurrenden Mägen, vor den Zelten der Erstaufnahmestelle des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Moabit. Sehr viele kommen aus Afghanistan, Syrien, Somalia, dem Irak, Sudan oder Kongo (UNHCR, Juli 2015). Sie alle packen ihre wenigen, aber wichtigsten Sachen, verlassen ihre Heimat, oft Familie und Freunde. Zu Fuß, als blinde Passagiere in und auf Zugwaggons oder in überfüllten, unsicheren Booten, brechen sie auf in ein neues Leben. In eines, in dem sie frei von Angst auf weitere Bombenangriffe, vor politischer oder religiöser Verfolgung, vor Entführungen, Vergewaltigungen und Hinrichtungen leben können. In ein Land, in dem das Wort "Krieg" für einen Großteil der Bevölkerung nur auf Vorstellungen, nicht auf Erfahrungen, basiert. Geflüchtete Menschen kommen mit einem Sack voller Hoffnungen. Doch im vermeintlichen Schlaraffenland angekommen, stoßen sie oft erstmal auf Ablehnung... An den zahlreichen Aufnahme- und Organisationsstellen, so auch am LaGeSo, werden sie jedoch mit offenen Armen empfangen und mit Essen, Trinken und wetterfester Kleidung erstversorgt. Nun heißt es: Geduldiger Kampf gegen und durch die Bürokratie: Warten auf die Registrierung, warten auf das Aushändigen von Unterkunftsgutscheinen und Taschengeld. Jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend: Warten in der langen Schlange vor der Essensausgabe. Hoffen auf funktionsfähige Kleidung, einen Schlafsack oder eine Decke. Bangen, ob der Antrag auf Asyl bewilligt wird oder nicht. Ob sich der große Traum von Frieden und Freiheit endlich erfüllt, oder ob er wie eine Seifenblase platzt und nichts als ein paar salzige Tränen zurücklässt...
"Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum" - dieses Motto ist weltweit bekannt. So auch unter vielen Geflüchteten, die täglich auf dem riesigen Platz des LaGeSos stehen.
Samim nickt langsam und nachdenklich, als er diesen Satz hört. Er ist 15 Jahre alt und vor dreieinhalb Monaten aus Afghanistan geflüchtet. Ganz allein.
Samim ist der älteste Sohn einer Familie, die im Nordosten Afghanistans lebt. Er hat eine jüngere Schwester, die vom strengen Vater und der stets besorgten Mutter zu Gehorsam erzogen worden ist. Heute eilt sie, in ihrer schwarzen Burka bekleidet, nahezu geräuschlos und flink durch die schmalen Straßen der Stadt - wenn sie denn einmal nach draußen darf.
In die Schule geht nur Samim. Sein Lieblingsfach ist Geschichte. Er strengt sich an, lernt viel und möchte später einmal mehr Geld haben als seine Eltern. Doch seitdem der Krieg im Land immer schlimmer wird, verbieten ihm seine Eltern häufiger, den langen Fußweg zur Schule anzutreten.
Samim ist wahnsinnig neugierig und an allem interessiert. Er fragt schon früh, was in seiner Heimat eigentlich zum Krieg geführt habe. Sein Vater erklärt ihm, einen großen militärischen Konflikt gebe es bereits seit 1978. Der schreckliche Krieg herrsche aber erst seit die fundamentalistisch-islamisch geprägten Taliban-Milizen nach den Anschlägen des 11. Septembers vom US-Militär gestürzt worden sind und die USA seitdem versuchten, die Terrororganisation al-Qaida zu bekämpfen.
Die gesamte Familie träumt davon, in einem friedvollen Land zu leben. Samims Vater wünscht sich, dass sein Sohn wieder zur Schule gehen könne, Samims Mutter und Schwester schwärmen davon, eines Tages unbeschwert und lachend über einen Markt zu laufen und Gewürze zu kaufen. Und Schuhe! Doch es kostet viel Geld, in ein friedvolles Land zu gelangen. Und Samims Familie hat nicht viel Geld. Die Eltern verkaufen das Stück Land, das sie besitzen und planen, den ältesten Sohn nach Deutschland zu schicken. Sie kämen nach, sobald sie das Geld dafür hätten. Und so steht Samims Zukunft fest: Er wird endgültig nicht mehr die afghanische Schule besuchen und nach Deutschland gehen. Mit 15 Jahren. Ganz allein.
Der große Platz vor dem sogenannten "Headquarter" des LaGeSo in Moabit ist voll. Überall stehen größere und kleinere Gruppen, Frauen sitzen mit ihren Babies im Arm auf dem kalten und nassen Asphalt oder auf Pappkartons. Kinder rennen zwischen all den Menschen umher, lachen oder scheinen auch mal etwas auf verschiedenen Sprachen zu schimpfen. Der Himmel ist grau und wolkig, der Wind pfeift und befreit die bereits halb-kargen Bäume von ihren letzten Blättern. Die bunten Farben des Laubs und der T-Shirts einiger Personen passt so gar nicht in das triste, müde Bild. Es riecht nach Herbst und Regen. Und Kälte, die abends erbarmungslos zuschlägt. Hoffentlich sind all die Menschen, die noch kurze Sachen tragen, bis dahin mit Pullovern und Jacken ausgestattet!
Vor dem "Headquarter" sind einige Bierbänke aufgestellt, auf denen Kartons mit Mützen, Schals und Handschuhen stehen. Zwei europäische Frauen - beide haben rote Wangen (entweder durch die Kälte oder Hektik) - versuchen, das Chaos vor den Bänken zu organisieren und die meisten Menschen mit Kleidung auszustatten. Werden die von Bürgern gespendeten Kleidungsstücke überhaupt für alle reichen?
Samim sitzt mit angewinkelten Beinen auf dem Bordstein des matschigen Weges. Seine Hautfarbe ist wunderschön, sandbraun, ein bisschen wie das feuchte Laub am Boden. Die Augen sind sehr dunkel und er hat viele Narben im Gesicht. Er ist bereits mit einer Jacke, wenn auch nur einer dünnen grauen Kapuzenjacke, versorgt. Ihm gegenüber sitzen zwei weitere Männer und drei Jungs, schätzungsweise zwischen 5 und 10 Jahren. Die Kinder tragen nur ein T-Shirt.
Samim erzählt in recht gut verständlichen Englisch von seiner langen Reise von Afghanistan nach Deutschland. Dabei schaut er selten auf, starrt eher auf seine in zu großen Turnschuhen steckenden Füße...
Er habe sich zu Beginn des Weges gar nicht vorstellen können, überhaupt irgendwann einmal anzukommen, sagt er ironisch grinsend. Immerhin sei Afghanistan fast auf der anderen Seite der Erde.
"Zuerst bin ich über die hohen Gebirge in meinem Land in den Iran gelaufen. Dort habe ich dann das erste Mal andere Menschen getroffen, die denselben Plan hatten wie ich", so Samim. Von nun an musste er nachts nicht mehr alleine in einem Versteck schlafen und Angst davor haben, ausgeraubt zu werden.
Die kleine Gruppe marschiert gemeinsam durch den Iran bis in die Türkei, wo sie dann einen Schlepper ausfindig machen. Samim zahlt fast das gesamte Geld, das seine Eltern für ihr Stück Land bekommen haben. Auf einem kleinen und stark überfüllten Boot legen sie mitten in der Nacht ab und machen sich auf den weiten Weg nach Mazedonien. Die tagelange Fahrt sei das Schrecklichste an der gesamten Flucht gewesen. Es sei zu Prügeleien um den Platz an der Reling gekommen, weil jeder Mitfahrende seekrank geworden ist. Es habe Prügeleien um das letzte Essen gegeben. Niemand habe dem Anderen auch nur einen klitzekleinen Bissen gegönnt. Samim denkt nach und sagt dann: "Ich glaube, dass eigentlich nur jeder Angst davor hatte, die Fahrt nicht zu überleben." Doch tatsächlich ist das Boot mitsamt den Flüchtenden an der Küste Mazedoniens angekommen.
Übrigens: Samim besitzt zwar ein Handy mit Prepaid-Karte, doch diese ist nicht mit Geld aufgeladen. Während seiner Flucht hat er keinen Kontakt zu seinen Eltern. Wo sich ihr Sohn gerade aufhält, wie es ihm geht und ob er überhaupt noch lebt, wissen seine Eltern ganze dreieinhalb Monate nicht. Und auch Samim weiß nicht, ob das Zuhause der Familie noch existiert oder zerbombt worden ist. Vor Kurzem hat Samim sich endlich melden können. Seine Eltern sind mehr als glücklich darüber, ihren Sohn in Deutschland wissen zu können.
Der Weg über den Balkan nach Deutschland wird dann wieder zu Fuß bewältigt. Über Serbien, Kroatien und Ungarn seien Samim und seine zwei im Iran kennengelernten Freunde mit ihren drei Kindern endlich nach Österreich gekommen. Die finale Strecke zur Erstaufnahmestelle am LaGeSo seien sie dann vor 15 Tagen in einem Zug mit ganz vielen anderen Flüchtlingen gefahren. Gegenüber seinen Freunden und deren Kindern sitzt er nun hier...
Die Erstregistrierung hat Samim bereits hinter sich gebracht. Momentan schläft er in einer Notunterkunft in Mariendorf, in einem Zimmer mit fünf anderen Männern, die er mittlerweile seine Freunde nennt. Wie lange die Bearbeitung seines Antrags auf Asyl dauert, ist ungewiss. Schließlich herrscht in den betreffenden Ämtern Überforderung ohne Ende. Bis über Samims Zukunft entschieden werden kann, wird er wohl in besagter Unterkunft bleiben müssen. Permanentes Anstellen, um Essen zu bekommen... Ein sehr kleines Übel, im Vergleich zur wachsenden Langeweile und Perspektivenlosigkeit. Denn mehr als Betten und Tische gibt es in dieser gerade erst eröffneten Unterkunft noch nicht.
Doch all das sei erträglicher als Krieg, sagt der 15-jährige Junge. Außerdem wolle er die Zeit sinnvoll nutzen und sich nicht von Angst und Hoffnung abwechselnd zermürben lassen. Immerhin sei er nun vorerst in einem friedvollen Land. Samim möchte so schnell wie möglich Deutsch lernen.
Amelie und Samim sind beide viel gereist in ihrem Leben. Amelie, um etwas zu erleben und zu sehen. Samim, um eine Zukunft zu haben. Beide haben dasselbe getan, zwar aus verschiedenen Motivationen heraus, aber doch haben sie beide ihre Sachen gepackt und ihr Zuhause verlassen.
Amelie wird sich garantiert irgendwann den Traum eines Tauchkurses in Tunesien erfüllen.
Und Samim? Träumt er etwa auch vom Tauchen in der Tiefsee? Wovon träumt er überhaupt? Kann auch Samim als afghanischer Flüchtling in Deutschland seinen Traum leben, anstatt sein Leben nur zu träumen?
Auf die Frage, was sein größter Traum eigentlich sei, folgt erst einmal schallendes Lachen. Dann antwortet Samim: "Darf ich auch drei Träume haben?" Natürlich darf er! - "Ich möchte ein Fahrrad haben, damit ich nicht mehr mit der Bahn fahren muss. Außerdem möchte ich später ein guter Ingenieur werden. Aber am meisten wünsche ich mir, in Deutschland akzeptiert zu werden und hier bleiben zu dürfen." - Interessant, wie sich Lebensträume doch unterscheiden können...
Info am Rande: Ich wurde häufiger gefragt, ob Samim das alles wirklich so erzählt habe. Hiermit möchte ich das noch mal deutlich machen: Samim spricht ganz gutes Englisch und hat mir zwar nicht in genau diesen Worten seine Geschichte erzählt, seine Erzählungen habe ich aber in keiner Art und Weise verfälscht, sondern so übernommen, wie er sie mir vorgegeben hat.
Zurück zur Story. Ich habe Samim nach unserem Gespräch versprochen, ihn in seiner Notunterkunft in Marienfelde zu besuchen.
An einem verregneten Donnerstag kam ich also. Nass stand ich vor der Tür des ehemaligen Feuerwehrheims und freute mich darauf, meine Jacke auf der Heizung trocknen zu können. Doch erstmal öffnete mir ein Securitymann die Tür. Er wollte genau wissen, wer ich sei und was ich hier wolle. Dann führte er mich nach oben ins Gemeinschaftszimmer aller Heimbewohner. Es roch nach Schulkantine und altem Schweiß, ich atmete flach durch den Mund. Der Raum war kalt. Nicht nur von der Temperatur her, sondern auch atmosphärisch ließ er mich frösteln. In ihm befand sich nicht mehr als einige Tische und Stühle. Keine Bilder, keine Vorhänge, keine Pflanze. Einfach nichts, das einen Raum gemütlich macht. Ich lief durch die schmalen Gänge und blickte in die Schlafzimmer, in denen mehrere Matratzen lagen. Etwas Buntes habe ich an diesem ersten Tag in Mariendorf dann doch noch gefunden: Die Bettwäsche!
Ich sprach einige Stunden mit ein paar Bewohnern der Unterkunft und stellte fest: Sie wollen Deutsch lernen! Und ich habe flott beschlossen, ihnen etwas Deutsch beizubringen...
Eine Freundin aus der Uni, Franzi, stieg mit ins "Deutschunterricht-Boot"und kam künftig jeden Sonntag mit mir ins Heim in Berlins Süden. Aber erstmal wurden wir vor große Probleme gestellt:
In der Notunterkunft in Mariendorf leben 60 geflüchtete Jungs, hauptsächlich aus Afghanistan, Syrien, dem Libanon und Palästina. Es werden drei Sprachen gesprochen: Afghan, Arabisch und Persisch. Syrer und Afghanen können sich selten leiden, die Kommunikation untereinander ist aufgrund der verschiedenen Sprachen sehr schwer und Englisch sprechen nur die wenigsten, am ehesten aber noch Jungs aus Afghanistan. Außerdem lebt dort nur ein Junge, der aus Somalia stammt. Er ist der Einzige, der keine andere Person hat, die ebenfalls aus Somalia kommt und nicht nur seine Sprache, sondern auch seine Gefühle, Gedanken und Ängste versteht. Er war anfangs kaum integriert, immer alleine und still.
Franzi und Ich hatten nun die Aufgabe, möglichst viele Jungs in einen Raum zu bekommen, uns "Transmitter" zu suchen, die unsere englischen Sätze verstanden und jeweils auf Afghan, Arabisch und Persisch übersetzen konnten. So haben wir einige Male Deutsch unterrichtet: Angefangen bei den Zahlen von 1-20, über das ABC, hin zu den Monaten, Wochentagen und Uhrzeiten... Und all das ohne Tafel oder Bücher...
Es war sehr sehr sehr chaotisch, laut und anstrengend, weil wirklicher Unterricht einfach nicht möglich war... Aber trotzdem: Jeder kleinste Erfolg pushte uns, weiterhin jeden Sonntag zwischen 14 und 18 Uhr Deutsch zu unterrichten.
Das alles begann wie gesagt vor etwa sechs Wochen... Seitdem hat sich viel getan! Die Jungs sind zu einer richtigen Gruppe zusammengewachsen und auch, wenn es natürlich hin und wieder noch kleine Kämpfe gibt, so sind sie heute dennoch mehr eine Gemeinschaft als noch vor sechs Wochen. Und was mich vor allem freut: der Somali hat Anschluss gefunden und verbringt sehr viel Zeit mit Achmed aus dem Libanon!
Private Spender kamen mit Tüten voller Kleidung! Die Jungs wurden mit winterfesten Schuhen, Winterjacken und Pullovern ausgestattet. Das Bekleidungsgeschäft C&A hat für jeden der 60 Jungs einen Gutschein im Wert von 100€ ausgestellt!
Durch andere private Spender gibt es mittlerweile etwa 20 Betten! Weitere Betten werden in den nächsten Wochen angeschafft.
Wo die Jungs am Anfang noch so gar keine Beschäftigungsmöglichkeiten hatten, nicht einmal ein einziges Buch, so haben sie nun im Gemeinschaftsraum zwei Sofas und einen Fernseher stehen, der natürlich ununterbrochen läuft. Zugegeben, das ist nicht die beste Beschäftigung, aber immerhin etwas, das die Jungs tun können.
Meine Mama hat Bücher und CDs gesammelt! Schulbücher speziell für Deutsch als Fremdsprache, die ganz spielerisch die Deutsche Sprache vermitteln, Kinderbücher und CDs mit lustiger Musik...
Die Jungs spielen nun einmal die Woche mit einem Trainer Fußball und erzählen immer ganz aufgeregt davon, wer wann wo kicken war, wer im Tor stand und wer gewann!
Mittlerweile kommt auch jeden Tag eine Lehrerin, die fünf Stunden Deutsch unterrichtet! Sie ist sicher sehr glücklich über die nun vorhandene Tafel und Bücher, mit denen die Jungs teilweise lernen...
Franzi und ich unterrichten aktuell also nicht mehr. Dafür planen wir für jeden Sonntag eine besondere Aktivität für 10-15 Jungs. Uns ist es wichtig, dass sie wissen, wo sie nun sind, wie Berlin aussieht, was die Stadt ausmacht... Und da einige Jungs sehr interessiert an der deutschen Geschichte sind, haben wir vergangenen Sonntag bei Tee und Spekulatius einen Film über die Entstehung der DDR angefangen zu schauen!
Ihr seht, es hat sich sehr viel verbessert seit meinem ersten Tag dort... Nicht nur, dass das einst so ungemütliche, tot wirkende Haus nun ein freundliches Heim mit bunter Bettwäsche und einem Sofa ist! Viel mehr noch, da die Jungs nun richtige Bezugspersonen haben, die regelmäßig kommen und teilweise auch ihre Sprachen sprechen, was zu Beginn in einem neuen Land bestimmt ein sicheres Gefühl vermittelt.
Heute, nur sechs Wochen nach meinem ersten Besuch in der Notunterkunft, sehe ich ganz andere "Flüchtlinge", ganz andere Jungs. Offen und freundlich waren sie von Anfang an. Aber nun sehen sie wesentlich zuversichtlicher und vor allem glücklicher aus. Natürlich haben sie bestimmte Erlebnisse in ihren Heimatländern noch nicht verarbeitet und natürlich denken sie auch noch sehr viel über die lange, mit Angst und Ungewissheit behaftete Flucht nach... Sie werden das alles sicherlich auch niemals vergessen... Aber wenigstens sind sie gerade dabei, hier 'anzukommen', unsere Sprache zu lernen, Kontakte zu knüpfen und endlich wieder Freude am Leben zu haben.
Ich freue mich schon jetzt darauf, nächsten Sonntag wieder mit einem immer besser klingenden: "Hallo, wie geht's Dir?", begrüßt zu werden und den Jungs ein weiteres Stückchen ihres hoffentlich neuen Zuhauses zu zeigen!
Graue Fassade, vielfältiger Inhalt: verschiedenste Bewohner
Die Jungs bei der Vorbereitung des Abendessens
Beim Erkunden der Stadt
Im Gemeinschaftsraum
Samim und der somalische Junge
Mit Tee, Spekulatius und einem DDR-Streifen am kalten Sonntag :)






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